Menschen haben im Laufe der Geschichte über vermeintlich größeres Geschrieben. Woran sie nicht alles geglaubt haben: Wahrheit, Gott, Seelen — Worte für die gleiche verzweifelte Hoffnung, dass das Gute, das Schöne und das Wahre doch das Gleiche sein müssen. Als ich entdecke, dass tape.tv (erster Teil englisch, zweiter deutsch auszusprechen), ein Startup, das versucht meiner älterwerdenden Generation mit alten Metaphern ein neues Medium zu verklären, endlich einen richtigen Vollbildmodus hat, erklingt das Mailversendesignal, das einzeigt, dass ein weiterer Monat vorbei ist. Ein automatisierter Mechanismus versendet jeden Monat eine Erinnerung, dass ich die Online-Versionen von irgendwelchen Rechnungen runterladen soll, was ich natürlich nie tue. März 2010, wahrscheinlich habe ich mir nie vorgestellt, dass mal wirklich zu erleben und wohin, wohin mit zuviel Leben? Irgendjemand hat mal gesagt, dass Schreiben Abkühlen sei, heiße ungefilterte Emotionen fließen in das Nichts von schwarzen Lettern und erstarren dort, werden zu etwas anderem. Schrift ist ein unfassbar ungeeignetes Medium um irgendetwas Gefühltes zu kommunizieren. Was zur Hölle sind eigentlich Landungsbrücken und wann waren die da zum letzten Mal? Nostalgie ist ein seltsames Wort, es bezeichnet ziemlich buchstäblich einen Schmerz, der sich so anfühlt als würde jemand im Inneren des eigenen Körper einen spitzen Fingernagel in sehr empfindliches Fleisch stoßen. Schmerz der Vergangenheit, der Heimat, des Zuhauses, zum ersten mal diagnostiziert bei schweizerischen Soldaten in der Fremde. “Zuhause” — eines dieser mythischen Worte deren Bedeutung ohnehin niemand versteht, weil sie sich dort wo sie großgeworden sind, eigentlich nicht heimatlich fühlen. Es ist etwas anderes. Eine Freundin von mir beschrieb mal einen Moment in ihrer Vergangenheit in dem an irgendeinem signifikanten Tag Menschen Laternen am Meer steigen ließen. Jene, bei denen man sich etwas wünscht und ganz auf das nächste Jahr setzt. Die Erfüllung aller Hoffnungen, die nächsten 365 Tage wird sie bringen. Am Ende ist immer alles wie vorher. Mit welcher Entschuldigung bin ich jetzt noch der gleiche Mensch? Sie stand dort mit ihrer Familie, Vater, Mutter und der kleine Bruder und sie fühlten sich als eines, der Vater erfüllte seine Erwachsenenpflicht und kaufte Laternen für alle und sie stehen versunken in ihrer jeweils eigenen Welt am Meer und für einen Moment schienen sie eine Einheit, die eine große Familie. Die sie nicht waren, der Vater hatte Affären, die Mutter war Alkohlikerin, der Sohn war geistig behindert…und die Tochter? War nie erwachsen geworden. Ein Mädchen, das mit Farbstiften spielt.
Ich fühlte mich zum letzten Mal zuhause als ein Mädchen, für das ich gewaltige Hoffnungen hatte, mit mir in einen Fluss starrte dessen nächtlich, schwarzsamtenes Wasser langsam an uns vorbeizog und ihren Kopf auf meine Schulter legte. Eine Bitte und wie ich dachte ein Versprechen. Zuhause, das heißt Geborgenheit, es bedeutet jemanden, der vor Wut ungläubig still zu zittern beginnt, wenn man ihm nur von der schieren Möglichkeit berichtet, dass ein anderer mir weh tun wollte, dass ich ungerecht behandelt wurde, egal ob das wahr ist oder falsch, übertrieben, einseitig und nicht fair. Loyalität — das ist angesichts brüchig-altersschwach realem Alltag das Zauberwort.
Ich hab zuerst gefragt…
Ich bat mal einen Freund mir von Zuhause zu erzählen und er hörte nicht mehr auf zu reden. Wir saßen auf dem Boden eines ekelhaften Büros einer steinernen Universität und ich lauschte all diesen Erfahrungen und es war nur an den Bruchstellen, nur in den Zwischenräumen, das man zu verstehen begann, dass er von etwas sprach über das er lange gegrübelt hatte, aber in, an oder bei dem er nie gewesen war. Er erzählte von einer kleine Schwester, die er, wie ich später erfuhr, nie gehabt hatte, ein Bruder war bei der Geburt gestorben. An ihr war nichts besonders und eben das zeichnete sie aus, sie liebte ihn und zwar bedingungslos und er war ihr großer Bruder und dies ebenso. Er erzählte, wie er sich für sie ob Ehrenkränkung geprügelt und verloren hatte, aber jeden Schnitt jeden Riss, jede Schwellung und Prellung mit Stolz und Würde getragen hatte. Er beschrieb mir, wie er sie auf dem elterlichen Dachboden gefunden hatte, weinend, schluchzend, als ihre Welt angesichts ihres ersten Freundes unterging. “Jungs, die mit 14 schon selbstbewusst sind, können nur Idioten sein.” Er hatte sich neben sie gesetzt, sie in den Arm genommen und sonst nichts getan. Alles nicht real? Der Mann, der eine kleine Schwester erfand, war später im Leben an guten und aufrichtigen, also nichtssagenden, Frauen gescheitert, die ihm allesamt Emotionslosigkeit vorgeworfen hatten. Jetzt griff er in eine Bierkiste und zog ein weiteres abgelaufenes Bier, das von irgendeiner Veranstaltung übrig geblieben war, hervor und konnte nicht aufhören mir Lügen zu erzählen. Eine schöner als die nächste. Ein Mensch, der ein Leben erfindet, wie es sein sollte. Dinge, die nicht vorhanden sind, die wir formulieren, vielleicht sogar aufschreiben in einer wahnsinnigen Hoffnung, das sie dadurch etwas mehr im Leben stehen. Zuhause ist ein Ort, der niemals existieren kann, er ist unsere Vorstellung von dem wie alles sein sollte und den wir so verzweifelt versuchen irgendjemandem verständlich zu machen. Er ist unsere Hoffnung auf ein Leben, an dem das Problem, das niemand uns versteht, nicht existiert, aufgehoben ist, weil es eine Welt beschreibt, die jeden beinhaltet, der uns etwas bedeutet und alle zwar einsehen, dass sie mich nicht verstehen, an dem sie in ihren hellsten Momenten wahrhaft begreifen, dass ich verrückt bin, anders, abnorm, seltsam, aber an dem sie mich dafür lieben und bereit sind jeden Kompromiss einzugehen. Es ist ein Ort, den ich für unzählige Menschen versucht habe hervorzubringen und doch hat es nur selten geklappt. Mein Sofa ist geziert von den Flecken dicker Tränen, die so manche dort vergossen hat, um sich gleich dafür zu schämen. Absurd: So soll sie niemand sehen, das rührt zu sehr am Kern des Seins, so dramatisch ist das alles nicht. Das zeigt sie nichtmal, oder gerade nicht, dem Mann, den sie zu lieben, mit dem sie sicher aber zu schlafen scheint. Was soll man dazu sagen? Was bleibt dann noch? Melancholie bedeutet wortwörtlich einen Wahn und nicht irgendeinen, sondern solchen, der einer “schwarzen Galle” gleicht, einen den manch einer den “göttlichen” Wahn nannte. Melancholie, Nostalgie — das sind für manche Menschen Zustände, in denen man sich verlieren kann, die einen kaputt machen, die einen ablenken vom Alltag. “Ich will nicht mehr traurig sein”, gerät zum Schlachtruf einer ganzen Generation. Ich kann nicht anders als das als Irrtum zu sehen. Beides beschreibt ein Gefühl, einen Drang, der nur einem einzigen Ziel gilt, nämlich dem geistig, sinnlichen Erschaffen jener Welt, in der wir “wirklich wir” sein können. Genau das aber ist “Zuhause”. Das Symbol für den ewigen Wunsch einmal anzukommen. Manchmal frage ich mich ob die Menschen, die Angst haben über dies nachzudenken, nur nicht sehen wollen, wie viel Kompromisse sie aus Trägheit, aus Angst, aus mangelnder Sorgfalt wirklich eingegangen sind. Und dann suchen sie sich etwas, meistens einen Partner, der so simpel ist, dass sie ihn verstehen können. Was man verstehen kann, ist zu kontrollieren. Oder ist das gekränktes Ego?
Manchmal ist es Zeit zu gehen…




